Die Angst vor Drag Shows
Ein Drag King umrandet von der Farben der Regenbogenflagge.

Die Angst vor Drag Shows

Aktuell wird in Deutschland und den USA viel diskutiert über Veranstaltungen, bei denen Dragqueens und -Kings Kindern aus Büchern vorlesen, die das Anderssein als etwas besonderes darstellen, etwas positives. 

Da stelle ich mir natürlich die Frage, wie dieser Umstand Menschen so provozieren kann, dass sie nicht nur diese Lesungen verbieten wollen, sondern mit Gewaltandrohungen dagegen vorgehen. 

Klar, zunächst liegt die Beobachtung nahe, dass Homosexualität inzwischen sogar in rechtskonservativen Kreisen akzeptiert wird (solange man sie nicht allzu auffällig zur Schau trägt), da braucht es natürlich ein neues Feindbild. Und dieses scheint nun in Drag-Künstler:innen (und transgender Menschen, aber das ist ein eigenes Thema) gefunden zu sein. 

Sehr zu denken gab mir ein Satz, den Ann-Christin Neuenstein vor einiger Zeit zu mir gesagt hat, als wir über eine Drag Show gesprochen haben, die wir im letzten Frühjahr in Sacramento besucht hatten: „Ich habe dich selten so unbeschwert erlebt“. 

Und da hat es Klick gemacht: Drag ist für mich der Inbegriff der Freiheit, weil er alle gesellschaftlichen Normen auf den Kopf stellt und bis zur Lächerlichkeit überhöht: Jede:r kann sein, was sie:r sein will, und jede:r derdie anwesend ist, akzeptiert das, feiert es sogar. 

Diese bedingungslose Akzeptanz von Menschen, die sich nicht mit eindeutig zuordenbaren (Geschlechts)Merkmalen aufhält, sondern mit ihnen spielt, steht antipodisch zu einer Gesellschaft, die durch und durch auf einer Geschlechtsbinarität (mit angenommener natürlicher Dominanz des männlichen Geschlechts) basiert. Und wenn die Geschlechtsbinarität ein maßgeblicher Teil der eigenen Selbstdefinition ist, dann bringt die bloße Existenz von etwas, das sich nicht binär einordnen lässt, dieses Selbstbild ins Wanken.

Was die Unsicherheit hervorruft, die dann in Hass umschlägt, ist aber nicht einfach, dass sich Menschen kleiden und geben können, wie sie wollen, sondern zu sehen, dass eine Gesellschaft denkbar ist, die dies akzeptiert. 

Denn: Wer bin ich, wenn ich als Mann nicht automatisch das Gegenstück zur Frau bin? Wie verhalte ich mich denen gegenüber, die weder das eine noch das andere – oder beides – sind? 

— Ich wünschte, mehr Menschen würden sich tatsächlich diese Fragen stellen, statt aus Unsicherheit zu Parolen und Gewalt zu greifen.

Das Titelfoto entstand in der Bar Badlands in Sacramento, CA.

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Kommentare
  • Durch Zufall bin ich auf diesen Artikel gestoßen, weil der Autor offenbar in einem ähnlichen beruflichen Umfeld unterwegs ist wie ich. Und als – augenzwinkernd gesagt – „stinklangweilige“ Heterofrau möchte ich den Gedanken noch ein Stück weiterführen.

    Ich habe keine Angst vor Drag Shows. Im Gegenteil: Die queere Szene insgesamt empfinde ich als echte Bereicherung für mein Leben. Gerade weil ich auf dem Land lebe, wo vieles sehr gesellschaftskonform, vorhersehbar und oft auch einengend ist, bedeuten queere Räume für mich Offenheit, Kreativität und gelebte Vielfalt.

    Ich besuche zum Beispiel den CSD nicht nur aus Solidarität oder um zu demonstrieren – sondern auch, um zu schauen, zu staunen und zu bewundern. Die Sichtbarkeit von LGBTQIA+-Menschen, von Drag Artists, von ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen zeigt mir jedes Mal aufs Neue, wie vielschichtig und lebendig Gesellschaft sein kann, wenn Menschen sie selbst sein dürfen.

    Was hier als „Provokation“ wahrgenommen wird, ist für mich Ausdruck von Freiheit, Mut und Lebensfreude. Und vielleicht liegt genau darin der Kern: Nicht Drag oder queeres Leben machen Angst, sondern die Vorstellung, dass Vielfalt nicht nur möglich, sondern selbstverständlich sein könnte.

    Ich wünsche mir sehr, dass mehr Menschen sich darauf einlassen, neugierig zu sein statt abwehrend, respektvoll statt aggressiv. In diesem Sinne: Danke für diesen klugen und persönlichen Beitrag. Viel Erfolg weiterhin, viel Kraft – und vor allem ein schönes, freies Leben.